"Er hat uns kalt erwischt" Dieser Mann bewarb sich bei den Grünen als Frau

So erklärt er jetzt seine Kandidatur

von: JULIUS BÖHM UND LOU SIEBERT veröffentlicht am 08.10.2021 - 22:00 Uhr

Ein Mann kandidiert als Frau für den Kreisvorstand - klingt überraschend, ist bei den Grünen in Reutlingen aber genau so passiert. David Allison definierte sich am Tag der Vorstandswahl bei den Grünen im Kreis Reutlingen als Frau
Foto: Die Grünen

"Ich kandidiere. Ich bin eine Frau", sagte David Allison, als es um die Wahl eines weiblichen Vorstandes des Kreisverbandes der Grünen ging. Der zweifache Familienvater trug eine schwarze Chino-Hose und Dreitagebart, sagte vor der Wahl aber, er definiere sich am heutigen Tag als Frau, zitierte ihn "Emma".

Mehrmals sei Allison gefragt worden, ob er seine Kandidatur wirklich ernst meine. Er blieb in seiner Rolle, reagierte kess: "Ich lebe in einer glücklichen lesbischen Beziehung mit meiner Cis-Gender-Frau. Wir haben zwei Kinder. Meine Frau hat zwar nicht gewusst, dass sie lesbisch ist, als sie mich geheiratet hat. Aber das Leben bringt so manche unerwarteten Änderungen mit sich".

Hintergrund: Geschlechtergerechtigkeit und Identitätspolitik sind fester Bestandsteil der grünen Kernpolitik. Mehr als zu sagen: "Ich definiere mich heute als Frau und berufe mich auf das grüne Grundsatzprogramm und das Frauenstatut" brauchte es für Allison nicht, um zur Wahl zugelassen zu werden.

Die Begründung findet sich im Frauenstatut der Bundes-Grünen. Dort heißt es: "Von dem Begriff ,Frauen' werden alle erfasst, die sich selbst so definieren."

Im Frauenstatut wird auch geregelt, dass Ämter und Mandate bei den Grünen mindestens zu 50 Prozent von Frauen besetzt werden müssen, wobei die erste Position IMMER eine Frau sein muss. Melden sich nicht genug Frauen, bleiben Positionen sogar unbesetzt.

Doch was wollte Allison mit seiner Aktion bezwecken?

Grund für die Aktion sei das Selbstbestimmungsgesetz gewesen, mit dem die Grünen bereits im Mai 2021 im Bundestag gescheitert sind, erklärte Allison jetzt seine Kandidatur gegenüber der "Welt". Nach der Bundestagswahl soll es einen neuen Anlauf dafür geben.

Allison findet, dass es eine inhaltliche Fehlentwicklung der grünen Identitätspolitik gibt - und darauf wollte er hinweisen, weil er die Gleichstellung von Männern und Frauen gefährdet sieht.

"Ich glaube, ich habe mit der Aktion gezeigt, dass Plätze, die explizit für Frauen vorgehalten werden, trotzdem von biologischen Männern besetzt werden können. Das ist möglich", so Allison. Zudem sehe er in dem Gesetz Kinder und Jugendliche gefährdet. Allein per "Sprechakt" könnten sie ab einem Alter von 14 Jahren ohne Erlaubnis der Eltern oder Beratung schwere Eingriffe vornehmen lassen - zum Beispiel durch eine medikamentöse Therapie.

Hintergrund: Der Entwurf des Selbstbestimmungsgesetzes sieht vor, dass jeder die Möglichkeit erhalten soll, sein Geschlecht unbürokratisch ändern zu lassen.

Und was sagen die Grünen in Reutlingen?

"Wir waren alle überrascht, dass er kandidiert. Er hat uns kalt erwischt", sagt Thomas Rose, Vorstandsmitglied der Reutlinger Grünen. Aber: "In dem Moment, wo Herr Allison kandidierte, war uns aber klar, dass es sich um eine Protestaktion handelte."


Quelle: Politik Inland - Bild.de